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Kerzen für Rio

Seit einiger Zeit gehe ich wieder zur Kirche. Das hat mich zugegebenermaßen selbst ein wenig überrascht. Ich gehe vor allem deshalb zur Kirche, weil ich herausgefunden habe, dass dieser Ort eine echte Alternative zum Spielplatz ist. Nino jedenfalls liebt es dort. Auf dem Weg zum Eingang gibt es eine lange Rampe, über die man rennen kann, und oben angekommen wartet ein elektrischer Türöffner, der eine große Glastür wie von Geisterhand aufschwingt. Manchmal denke ich: Nino will nur wegen dieser Tür zur Kirche. Die Wohltaten des heiligen Benedikt von Agnezien scheinen ihn kalt zu lassen. Meist müssen wir drei oder vier mal durch die Tür hindurch. Hin und zurück, hin und zurück, hin und zurück.
Wenn wir hinten in der Kirche, direkt beim Eingang, eine Kerze anzünden (manchmal sogar zwei, wenn ich genug Kleingeld habe), ist das auch für mich ein Highlight an ereignisarmen Vormittagen. Jedes Mal staune ich ein bisschen über mich selbst, genauer gesagt darüber, zu welch spirituellen Gefühlen ich offenbar fähig bin: Neben der Freude, die ich daran habe, Nino den Zauber des Feuers zu nahezubringen, empfinde ich nämlich eine Art wohligen Schauer bei dem Gedanken, dass wir diese Kerze „für jemanden“ anzünden und dieser „jemand“ das Licht vielleicht sogar sieht. John Lennon zum Beispiel, meine Oma, Olaf Bürger oder Rio Reiser auf seiner Wolke. Die Liste wird immer länger. Nicht, dass ich ernsthaft in Erwägung zöge, dass unsere Kerze tatsächlich für jemanden brennt – bzw. durch sie auch nur einen einzigen Tag früher ein Impfstoff gefunden wird oder Donald Trump an einem Herzinfarkt stirbt. Trotzdem macht es mir irgendwie Spaß, kurz daran zu glauben, dass man daran glauben könnte.
Nachdem ich jahrzehntelang einen echten Widerwillen dabei empfand, Kirchen auch nur zu betreten, muss ich zugeben, dass mich Nino auf den Geschmack gebracht hat. Zwar bin ich ausgesprochen froh darüber, dass ich nicht auf einer dieser Bänke sitzen muss – die Gottesdienste in der Kirche meines Heimatortes waren die vermutlich längsten Stunden meiner Kindheit. Dennoch fühle ich mich in dieser Kirche hier seltsam wohl. Kein Vergleich mit der düsteren Marienkirche in Lübeck, wo allein das atemberaubend apokalyptische Totentanz-Bild schon ausreichte, um mich in die Flucht zu schlagen. Von den ganzen steinernen Totenköpfen und dem Gitter über der Gruft ganz zu schweigen. Stieg da nicht ein Geruch von Verwesung auf? Nach all den Jahrhunderten … ? Ständig mussten wir mit meinen Eltern durch irgendein historisches Gemäuer laufen, in dem es nach Tod und Verderben roch. Wie froh ich jedes Mal war, wenn ich anschließend wieder an die Sonne trat.
Hier aber?
In dieser Kirche ist es irgendwie nett.
Nino und ich rennen zwischen den Bänken hindurch. Er singt sein „Dadadei“ und schaut den Tönen hinterher, die bis hinauf zur hohen Decke fliegen und dann im Raum hin und her springen. Es gibt keinen besseren Ort, um „Dadadei“ oder „Tumbatumbatätätä“ zu singen. Ich habe mich selbst davon überzeugt. Anschließend haut er vorne auf das metallene Ding mit dem Kreuz drauf, dessen Namen ich nicht kenne, und sagt fröhlich „Klingeling, Klingeling“.
Wir kommen also auf unsere Kosten.
Manchmal sitzt auch jemand zwischen den Holzbänken, dann sehe ich zu, dass Nino das „Dadadei“ nicht ganz so laut singt, ich ihm schnell die Mütze abnehme und wir möglichst bald wieder verschwinden. Man will ja niemanden stören. Das allerdings ist unwahrscheinlich: Vorbei sind die Zeiten, in denen man jemanden in der Kirche traf. Meist sind wir ungestört.
Wieder draußen spielen wir unter den alten Bäumen ein bisschen mit dem Plastikball, essen auf der Treppe ein Brötchen oder gehen beim Italiener nebenan ein Mineralwasser trinken.
Unsere Ausflüge sind also eine schöne Abwechslung. Die Tatsache, dass es etwas so leicht Verfügbares wie den Besuch in einem alten Bauwerk gibt, der trotz aller Vorbehalte und gegen alle inneren Widerstände Trost spenden kann, ist außerdem irgendwie wohltuend. Wohltuend wie der Gedanke an Musik oder Sonnenschein.
Nicht zuletzt ist es aber auch einfach so, dass ich nicht sonderlich gern auf Spielplätzen bin. Ich fühle mich da irgendwie nicht wohl und habe selten ein Thema, über das ich mit anderen Eltern reden kann.
Da braucht man eben gute Alternativen.

2 Antworten auf „Kerzen für Rio“

Lieber Philip, danke schön für deine schönen Worte. Das hat mich sehr berührt und ich kann gut mitfühlen. Lieben Gruß Andrea

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