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Neue Wege

Ich sitze neben Stefan auf einer Parkbank. Wir blicken auf eine Reihe von Bäumen, die etwa hundert Meter entfernt im Herbstwind rauschen. Einer hat in der Mitte seiner Krone ein Loch, wie ein Zyklopenauge, durch das der Sternenhimmel zu sehen ist. Direkt darüber steht strahlend der Große Wagen.
„Der ist irgendwie immer da, wenn ich nachts nach oben gucke“, sagt Stefan.
„Das kann kein Zufall sein“, sage ich, ohne mir irgendetwas dabei zu denken.
In Gedanken bin ich woanders: tief unten auf der Erde. Ich berichte, dass ich nach wie vor nicht wisse, was ich in den kommenden Monaten, vielleicht sogar Jahren, tun werde. Dass ich meinen Plan, die Pandemie irgendwie auszusitzen, über Bord geworfen habe.
„Ich muss mir einen neuen Job suchen“, sage ich und halte ihm mein Smartphone hin.
„Guck mal, die habe ich heute gemacht. Bewerbungsfotos. Es ist zum Verrücktwerden …“
Stefan lacht. Etwas mitleidig vielleicht.
„Na ja, du wirkst ein bisschen verkrampft. Aber das sieht man ja nur, wenn man dich kennt.“
Ich gucke mir das Bild nochmal an und stecke das Handy wieder in die Jackentasche.
„Das sieht leider jeder“, sage ich.
Ich habe den ganzen Kram vor Jahren schon weggeschmissen. Bewerbungsfotos, Mappen, meinen Lebenslauf – alles stopfte ich in den Papiermüll. Freudig, erleichtert darüber, diese Episode meines Lebens hinter mir zu lassen. Jetzt, mit 42, als Vater eines Kindes, als vorerst gescheiterter Musiker, muss ich all diese Dinge neu zusammentragen. Ich verfasse Anschreiben, scanne viel zu alte Zeugnisse ein und täusche im Fotostudio ein lockeres Lächeln vor.
Stefan denkt einen Augenblick lang nach, dreht sich eine Zigarette. Ich schaue durch das Loch in der Baumkrone.
„Ich hab‘ dir doch erzählt, dass wir bei uns in der Kita Helfer suchen, oder?“
Ja, sage ich. „Hast du mir erzählt.“
„Das ist jedenfalls immer noch aktuell. Du müsstest Spielzeuge desinfizieren, ein bisschen reinigen, so was in der Art. Ich weiß, das ist jetzt nicht der allertollste Job, aber vorübergehend vielleicht gar nicht so schlecht …“
Ich nehme einen Schluck Wein. Irgendwie finde ich es noch immer irritierend, dass ich neuerdings solche Gespräche führe. Ein ähnliches Erstaunen überkommt mich morgens, kurz nach dem Öffnen der Augen. Dann beschleicht mich dieses unangenehme Gefühl, dass das, was da draußen vor meinem Fenster geschieht, im Grunde nicht passieren darf – ganz offensichtlich aber der Realität entspricht. Diese Kluft zwischen dem, was sein sollte und dem, was wirklich ist, fühlt sich erheblich an, irgendwie lähmend. Seit dem Frühjahr komme ich noch schlechter aus dem Bett als sonst.
Ich denke einen Augenblick lang darüber nach, was ich antworten soll.
„Ich weiß nicht so recht“, sage ich. „Es ist jetzt nicht so, dass ich mir das nicht vorstellen könnte. Und mit Kindern hab ich ja auch gern zu tun …“
„Oh, mit den Kindern hättest du gar nichts zu tun“, sagt Stefan.
Ich schaue ihn von der Seite her an.
„Wie meinst du das?“
„Du würdest ja erst dann zu uns in die Kita kommen, wenn alle Kinder schon abgeholt wurden. Anschließend arbeitest du ein, zwei Stunden lang.“
Ich sage nichts und schaue in die Nacht.
Das Loch im Baum scheint zurückzublicken.
„Es wäre ja nur vorübergehend. Und wir suchen wirklich dringend jemanden.“
Ich stelle mir vor, wie mir auf dem Parkplatz vor der Kita die Eltern entgegenkommen. Sie haben ihre Kinder an der Hand und gehen zu ihren Fahrrädern. Ich trage Blaumann, ein Wischmop klemmt unter meinem Arm. „Hallo, Herr Ritter“, grüßt mich einer der Väter, setzt sein Kind in den Anhänger und steigt auf sein Fahrrad. „Wie geht es Ihnen heute?“
„Danke, gut!“, sage ich. Ich habe lange, graue Haare, einen weißen Drei-Tage-Bart und sehe ein bisschen so aus wie Karl Ove Knausgård. Eigentlich steht mir das nicht schlecht, nur der Blaumann wirkt etwas überzogen. Einige von den Eltern kannte ich schon, als sie selbst noch Kinder waren, denke ich und ziehe zufrieden an meiner Selbstgedrehten. Sie waren vor langer Zeit in dieser Kita hier, in meiner Kita. Ich habe ihre Spielzeuge desinfiziert! Ich winke einem der Kinder zu, das mich müde aus dem Anhänger anblickt. Dann beginne ich mein Tagewerk …
Die Bäume bewegen sich im Wind, nur der Große Wagen scheint vollkommen still zu stehen. Dort oben gibt es kein Corona, denke ich. Vielleicht gibt es noch viel Schlimmeres.
Oder gar nichts Nennenswertes.
„Ich denke mal drüber nach“, sage ich.

4 Antworten auf „Neue Wege“

>>“Ob der Job noch frei ist?“, frage ich mich und ziehe an meiner Selbstgedrehten. Ich puste den Qualm hinaus aus meinem Balkonfenster als wäre das die Antwort und irgendwie auch die Lösung des ganzen Problems.<<

Hallo Philip,
das ist sehr schön geschrieben. Ich bin wirklich gespannt auf mehr!
Liebe Grüße, Mea

Lieber Philip,
„als vorerst gescheiterter Musiker“…
Da muss ich doch mal drüber nachdenken. Ich finde nicht, dass du/wir gescheitert bist/sind. Es fühlt sich genauso an, als hätten wir den Kahn selber in die Havarie gesteuert.
Aber haben wir ja nicht, oder???
Machen wir weiter und ich würde mich freuen, bei einem gemeinsamen Gang im Nordpark mit Kind das Tageslicht Inspirativ wirken zu lassen.
Herzlichst Uli

Da hast du natürlich vollkommen recht. Keiner von uns stand am Ruder des Kahns, da bin ich mir ausnahmsweise sicher 🙂 Das mit dem Gang im Nordpark ist eine tolle Idee, sag Bescheid!

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