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Elvis has left the building

Erst nur ein leerer Raum. Nicht ganz leer genau genommen, denn in den vorderen Reihen, mit dem Rücken zur Kamera, sitzen einige Menschen. Sie tippen hektisch auf ihren Smartphones herum, so als müssten sie noch schnell Informationen über das in die Welt hinausschicken, was in diesem Raum noch gar nicht geschehen ist. Vor ihnen zwei weiße Säulen, die verdächtig nach Plastik aussehen, zwei Flaggen, die schlaff herunter-hängen, ein Rednerpult mit einem Wappen darauf. Überhaupt ist der ganze Ort nur wenig beeindruckend, etwas banal, erstaunlich klein und dem ganzen Anlass irgendwie nicht angemessen.

Ein typischer Fall von: „Ach was! Das hätte ich mir aber ganz anders vorgestellt …“

Dann öffnet sich neben der linken Säule eine blaue Schiebetür. Er schlurft herein – gebückt, müde, verlangsamt, wie unter Schock. Der Mann, der die halbe Welt vier Jahre lang in Anspannung versetzte und zahllosen Menschen ein schier endloses Unbehagen bescherte.

Ich bin einer von diesen Menschen, daran besteht kein Zweifel.

Es ist mitten in der Nacht. Ich liege im Bett und starre auf mein Smartphone. Tausende von Kilometern entfernt, in jenem unscheinbaren Presse-Raum des Weißen Hauses, tritt Donald Trump ans Rednerpult, schlägt eine schwarze Mappe auf und atmet ein. Auch ich atme ein, halte kurz die Luft an. Ich habe das Gefühl, einem Untergang beizuwohnen – einem wunderschönen Untergang. Sicher, ich bin erschöpft, aber keinesfalls so müde, dass ich diesen Augenblick verschlafen würde.

Seit vor zwei Tagen in den USA die Wahllokale geschlossen wurden, starre ich, wann immer es mir möglich ist, auf mein Smartphone. Eine ermüdende Tätigkeit ist das, die sich nicht ohne Weiteres mit den Herausforderungen des Alltags verbinden lässt. Kreativität und Hingabe sind gefragt: Gehe ich mit Nino spazieren, setze ich ihn lieber in den Kinderwagen, als ihn an der Hand zu nehmen. So kann ich an der Ampel kurz den CNN-Livestream verfolgen, während mein Sohn mir besonders schöne Lastwagen zeigt. Zurück in der Wohnung werfe ich den Ball dann ein bisschen weiter durch den Flur als sonst. Während Nino hinterherläuft, kann ich auf dem Display beobachten, wie der Vorsprung der Republikaner in diesem oder jenem Bundesstaat dahinschmilzt.

Jetzt, mitten in der Nacht, lausche ich gebannt dem monotonen Singsang des Präsidenten. Kameras klicken, die Journalisten auf den braunen Stühlen kritzeln hektisch etwas auf ihre Zettel. Ich bin so müde, dass mir immer wieder die Augen zufallen. Aber ich halte durch. „Wir können nicht zulassen, dass diese Wahl gestohlen wird“, sagt Trump, beklagt sich noch ein wenig über diesen größten Betrug aller Zeiten und verlässt wenig später das Pult. Er geht leicht gebückt durch die blaue Schiebetür, sie schließt sich hinter seinem Rücken. Die Journalisten rufen ihre Fragen hinterher, es klingt wie eine plötzliche Explosion von Stimmen. Keine Antwort. Elvis has left the building; wir geben zurück ins Studio.

Ich schließe die Augen und lege das Smartphone auf den Boden. Dann schalte ich das Licht aus. Mein Kopf summt von tausend Moderatorenstimmen, die endlose Zahlenkolonnen verlesen und auf rote oder blaue Flächen zeigen: Wisconsin, Nevada, Georgia. Bisher wusste ich nicht einmal, wo diese Staaten liegen. Jetzt bin ich bestens im Bilde.

Was soll das Ganze, frage ich tonlos in die Dunkelheit des Zimmers.

Warum verschwendest du deine Zeit an diesen orangefarbenen Widerling statt zu schlafen?

Ich lausche in die Stille der nordrheinwestfälischen Nacht. Irgendwo in der Wand rauscht eine Wasserleitung.

Als ob sich irgendetwas in dieser Welt verändern würde, nur weil dieser Mann das Weiße Haus verlässt! Als wären die Amerikaner schokoladen-riegelverteilende Engel gewesen, bevor Trump seine Goldvorhänge im Oval Office aufhängte!

Und überhaupt: Was hat all das eigentlich mit DEINEM Leben zu tun?

Keine Antwort.

Keine, die ich nicht ohnehin schon wüsste.

Schon fast im Halbschlaf denke ich an den Abend des 8. November 2016. Wir sitzen in einer Kneipe und trinken Bier. Wir reden über Probleme bei unserer Chorprobe neulich – und zwischendurch auch über diese sonderbare Wahl in den USA. Zum Glück ist Hillary Clinton in den Umfragen so weit vorn, dass sie nicht mehr verlieren kann.

Während ich an diesen Abend denke, weiß ich plötzlich, wie sich vier Jahre anfühlen.

Und wie man sich täuschen kann.

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