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Blinder Passagier

Dass jemand für mich betet, ist eindeutig eine neue Erfahrung. Ich rutsche etwas verlegen auf der kalten Holzbank umher und spähe ins Halbdunkel hinter mir. Ein paar Dutzend Augenpaare sind auf mich und meine beiden Kollegen gerichtet. Ich schaue etwas genauer hin: Kann ich in den Gesichtern zwischen den weißen Steinsäulen etwas erkennen? Mitgefühl vielleicht? Im unangenehmsten Fall sogar Mitleid? Schwer zu sagen, denn im schummrigen Licht des Kirchenschiffs bin ich ohne meine Brille aufgeschmissen. Erschwerend kommt hinzu, dass nur die Augen der dort sitzenden Menschen zu sehen sind. Das, was hinter den Masken verborgen ist, muss ich ich mir dazudenken. Obwohl ich es (wie die meisten von uns) in dieser erst kürzlich zum Volkssport gewordenen Disziplin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht habe, komme ich in diesem Fall zu keinem Ergebnis. Also drehe ich mich wieder um und widme mich dem, was auf der Kanzel geschieht.

„Wir beten deshalb für die Künstler“, fährt der Pfarrer fort, „weil sie ihren Beruf in diesen Monaten nicht ausüben können. Und doch unternehmen sie immer wieder den Versuch, uns zum Denken anzuregen, uns zu inspirieren.“

Ich blicke noch einmal ins Publikum. Zustimmendes Nicken hier und da, schweigendes Frösteln allerorten.

„Das Ensemble, das heute bei uns zu Gast ist, wird uns jetzt eine kurze Geschichte von Simon Hayworth vortragen. Normalerweise treten Künstler ja an eher weltlichen Orten auf. Dass das derzeit leider nicht möglich ist, begrüßen wir sie eben hier bei uns in der Kirche.“

Wir stehen auf, ich winde mich etwas umständlich aus der Bank. Wie soll ich diese Gebete annehmen, frage ich mich auf dem Weg zu meinem E-Piano. Wäre es nicht irgendwie falsch, wenn ich es täte? Sicher, die Menschen hier beten nicht wirklich für mich, sondern für eine ganze Berufsgruppe – insofern kein Grund für falsche Bescheidenheit. Trotzdem fühle ich mich irgendwie wie ein Schwindler, wie ein blinder Passagier, den man nach seiner Entdeckung auf dem Unterdeck zum Kapitänsdinner lädt. Nachdem ich mir mein Leben lang nur wenig aus Gebeten gemacht habe, falten nun plötzlich fremde Menschen ihre Hände für mich. Irgendwie ist mir das Ganze ein bisschen peinlich – aber ich lasse es geschehen. Außerdem ist es ja vor allem großzügig, dass man uns einlädt. Ein bisschen Geld kann dieser Tage schließlich nicht schaden.

Zwei Stunden später, als der Küster die Kirche längst abgeschlossen hat, sitze ich in meinem Auto und fahre durch Lockdown-Land. Dicht über dem Horizont, ungefähr dort, wo meine Heimatstadt liegen müsste, steht rötlich schimmernd der Mars. Als ich den Nachrichten-Jingle höre, drehe ich hastig das Radio aus und hole die Rufus-Wainwright-CD aus dem Handschuhfach. Es ist November, der Wind weht Blätter über die Straße. „There`s always trouble in Paradise“, singt Wainwright.

Ich lehne mich zurück und lasse die Szenerie vorüberziehen.

Die auch sonst nicht gerade Times-Square-verdächtigen Münsterland-Dörfer wirken noch lebloser als sonst: Restaurants und Kneipen sind dunkel, ein paar vereinzelte Spaziergänger tauchen im Scheinwerferlicht auf. Einige haben Bierflaschen in der Hand, ein Fahrradfahrer schlingert bedrohlich über den Bordstein.

Ich biege auf die Schnellstraße und muss plötzlich daran denken, wie das Jahr für mich begann. Ich saß am Wohnzimmertisch eines befreundeten Pärchens und trank aus einer Sektflasche, die irgendjemand dort vergessen hatte. Um kurz vor Zwei stand ich auf, weil ich einen Augenblick lang allein sein wollte. Ich öffnete die Balkontür und trat hinaus. Die Luft war frisch und feucht, eher herbstlich als winterlich. Hier und da explodierten Silvesterraketen, aber man sah nur diffuse Lichtblitze, keine Farben. Jemand rief etwas, aber es klang dumpf. Ich beugte mich vorsichtig über das Balkongeländer und sah nach unten: Über allem lag dichter, weißer Nebel, wie ich ihn bisher noch nie mitten in einer Stadt gesehen hatte. Es war, als hätte der Nebel, der sonst weit draußen auf den Wiesen zu Hause ist, plötzlich einen Weg gefunden, hierher zu kommen – wie ein Tier, das eigentlich im Urwald lebt und nun durch die Straßen streift. Es war gespenstisch. Ein Fahrradfahrer fuhr vorbei, aber ich sah nur den klar abgegrenzten Lichtkegel seiner Fahrradlichts, sonst gar nichts. Als würde eine Taschenlampe durch den Nebel fliegen. Die Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren verschwunden.

Ich trat einen Schritt zurück und setze mich auf einen der Klappstühle.

Hoffentlich, dachte ich, ist das kein schlechtes Omen. Eigentlich neige ich nicht besonders zu derartigen Gedanken. Aber dieser Nebel hier war einfach zu dicht und zu sonderbar, um kein Zeichen darin zu sehen.

Ich parke das Auto am Rand des kleinen Parks gegenüber von unserer Wohnung. Bevor ich aussteige, bleibe ich noch ein wenig sitzen. Das mache ich immer so, wenn ich Zeit habe. Durch die Frontscheibe sehe ich, dass neben einer der Parkbänke in etwa hundert Metern Entfernung Flammen auflodern. Ich steige etwas widerwillig aus und gehe in Richtung des Feuers. Als ich näher komme, sehe ich, dass da ein Mülleimer liegt. Jemand hat ihn aus der Verankerung gerissen und in Brand gesetzt. Flüssiges Plastik läuft über den Weg. Am hinteren Ende des Parks höre ich Gelächter, laute Stimmen, die sich entfernen. Dann ist es still, nur das brennende Plastik zischt. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche.

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