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Warten

Ich sitze neben Nino auf dem Teppichboden. Um uns herum ein Meer von Plüschtieren, Kinderkleidung und Bilderbüchern, zwischen uns ein Bauklotz-Turm. Durch das Fenster hinter meinem Rücken fällt das Sonnenlicht, ein paar Staubkörner segeln träge durch die Strahlen. Ein Auto fährt vorüber, dann noch eins. Irgendwo bellt ein Hund.

„Hör mal, da bellt ein Hund“, resümiere ich einigermaßen zutreffend und widme mich umgehend wieder der mir zugedachten Aufgabe. Während meine Hände rote und grüne Klötzchen anreichen und mein Mund „Achtung, Nino, jetzt schön vorsichtig“ sagt, während mein rechter Fuß das schwankende Bauwerk unauffällig ein wenig stabilisiert und ich den Staubkörnern beim Schweben zusehe – während ich all das tue, ist gleichzeitig ein beträchtlicher Teil von mir mit etwas ganz anderem beschäftigt: nämlich mit der weitgehend unergiebigen Tätigkeit des Wartens.

Und damit, das muss ich nach neun Monaten Pandemie leider konstatieren, ist derzeit kein Blumentopf zu gewinnen. Man könnte sogar sagen, dass das Warten dieser Tage ziemlich unerfreulich ist. Manchmal ist es geradezu quälend.

Sicher: Auf das Eintreten eines wie auch immer gearteten Ereignisses zu warten, ist keinesfalls verwerflich. Es lässt sich noch nicht einmal vermeiden. Menschen warten auf das Mittagessen, auf den Weihnachtsmann, auf das Ende der Mathestunde, sie warten im strömenden Regen an der Bushaltestelle und hockend vor der Waschmaschine, die erst in zwei Minuten die Tür entriegelt. Genaugenommen warten wir ständig und überall. Selbst Leonard Cohen dürfte bei seinem ersten Konzert nach der Rückkehr aus dem Kloster auf die siebzehnte und damit letzte Strophe seines Songs „Halleluja“ gewartet haben. Zumindest würde es mich nicht wundern. Und das, obwohl er fast schon ein Zen-Mönch war.

Die Frage ist nicht ob, sondern wie man wartet. Und worauf. Ich jedenfalls stoße spätestens in diesem Herbst an meine Grenzen. Ich bin es einfach nicht gewohnt, auf Dinge zu warten, die weiter als zwei Wochen entfernt sind. Und was noch viel schwerer wiegt: Ich kann mich nicht daran gewöhnen, auf Ereignisse zu warten, von denen niemand weiß, ob sie am Ende auch wirklich eintreten.

Mit gesenkten Kopf rast Nino mitten durch den Turm. Ohne Vorwarnung. Einfach so. Es scheint ihm nicht einmal wehzutun.

„Wie ein kleiner Stier“, sage ich anerkennend und werfe die Arme in die Luft.

„Bumm“, sagt er und zeigt staunend auf die Reste unseres Projekts. „Bummbummbumm.“ Ich lächele aufmunternd. Dann lege ich vorsorglich schon mal die Fundamente für den nächsten Turm. Währenddessen schaue ich in die kahlen Äste vor dem Fenster und warte ein wenig auf den 21. Dezember.

Ab dem 21. Dezember werden die Tage wieder länger, denke ich. Damit ist der erste Etappensieg geschafft. Ab dem 21. Dezember geht es nur noch bergauf.

„Bella Ciao“, sagt Nino, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Bella Ciao anmachen.“ Ich hole die kleine, zylinderförmige Box aus dem Flur und warte zur Abwechselung ein wenig auf den Frühling.

Im Frühling, denke ich, sind bestimmt die Cafés wieder geöffnet. Zumindest die, die es dann noch gibt. Wer weiß, vielleicht dürfen wir uns im Sommer sogar wieder in einer Bar treffen. Das wäre natürlich ein echtes Erlebnis nach all der Zeit …

Ich nehme mein Smartphone in die Hand und starte den Song. Wir tanzen zwischen den Bauklötzen, immer im Kreis.

„Partigiano, partigiano“, ruft Nino und klatscht in die Hände. Ich klatsche mit. Währenddessen warte ich ein wenig auf den Impfstoff. So vorsichtig, dass das Warten den Elan meiner Tanzschritte nicht mindert. Ich warte so unauffällig, dass Nino es nicht merkt.

Wenn der Impfstoff da ist, denke ich, dann dauert es vielleicht nur noch ein Dreivierteljahr, bis wieder Konzerte stattfinden. Das kann man ertragen. Bis dahin halte ich mich mit anderen Jobs über Wasser. Andererseits … was ist, wenn es länger dauert? Ein ganzes Jahr vielleicht. Oder noch länger.

Was dann?

Und was, wenn sich zu wenige Menschen impfen lassen?

Nach all dem Warten ist die Sonne ein kleines Stückchen weiter über den Novemberhimmel gewandert, bestimmt einen Fingerbreit. Einige der Staubkörner haben sich auf dem Teppich niedergelassen, mindestens fünf Autos sind an unserem Fenster vorbeigefahren. Weit entfernt läutet eine Kirchenglocke.

„Komm“, sage ich, „wir gehen spazieren. Wir müssen mal raus.“

Erst ziehe ich Nino an, dann mich. Im Flur setze ich ihn in den Kinderwagen und schließe die Wohnungstür ab. Draußen kommt uns das ältere Ehepaar von nebenan entgegen. Sie haben sich gegenseitig untergehakt und gehen langsam die Straße hinunter. Der alte Herr blickt freundlich zu uns herüber.

„Genießen Sie es“, sagt er, „genießen Sie es. Die Kleinen werden so schnell groß, das glaubt man gar nicht.“

„Ja“, sage ich nickend, „da haben Sie wohl recht.“

Ich schiebe den Wagen unter den Bäumen entlang und warte darauf, dass ich endlich Buddhist werde.

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