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Die Poesie der Parkplätze

Eine Fahrt über die A45 ist nicht unbedingt ein Fest für die Sinne. Trotzdem haben Autobahnen durchaus etwas Poetisches. Zumindest für all diejenigen, die etwas mit der Poesie der Parkplätze anfangen können. Die Verse sind kurz, schmucklos, manchmal auch etwas grob, und wurden mit viel Hintersinn auf ein gutes Dutzend Schilder verteilt. Die tiefere Bedeutung dieser Zeilen bleibt mir auch nach unzähligen Fahrten auf der Autobahn verschlossen.

Gerade taucht in einiger Entfernung ein alter Bekannter auf: das Schild mit der Aufschrift „Dickenwalze“.

Reflexartig tue ich das, was ich an dieser Stelle immer tue.

Die Hände am Steuer, den Hals etwas angestrengt Richtung Frontscheibe gereckt, starre ich auf die Baumreihe, die den Parkplatz verdeckt. Im Vorbeifahren drehe ich den Kopf solange zur Seite, bis die „Dickenwalze“ aus meinem Blickfeld verschwunden ist. Die nächsten zwanzig Minuten über stelle ich mir die immer wieder gleiche Frage: Welchem Umstand verdankt dieser mehr als prosaische Ort seinen extravaganten Namen? Was, um Himmels Willen, muss in dieser Gegend geschehen sein, das eine derartig monströse Namensgebung rechtfertigt?

Wie jedes Mal komme ich auch heute zu keinem Ergebnis. Der Parkplatz „Dickenwalze“ unterscheidet sich in keinster Weise von all den anderen seiner Art. Er ist ein Parkplatz, zumindest soweit ich das auf den ersten Blick beurteilen kann. Von Dicken mal wieder keine Spur, von Walzen noch viel weniger.

In all den Jahren habe ich mir allerdings auch nicht sonderlich viel Mühe gegeben, sein Rätsel zu lösen. Leicht genervt von mir selbst fasse ich zum hundertsten Mal den Vorsatz, zuhause sofort meinen Rechner aufzuklappen und das Wort „Dickenwalze“ in die Suchmaske zu tippen. Natürlich habe ich das noch nie getan und werde es vermutlich auch niemals tun. Schon allein deshalb nicht, weil ich die „Dickenwalze“ in spätestens einer halben Stunde vergessen haben werde. Bis zu unserem nächsten, wieder mal überraschenden Rendezvous.

Dabei verdienen sie ein bisschen Aufmerksamkeit, all diese Parkplätze. Robert Gernhardt jedenfalls hätte wohl seine Freude an ihnen gehabt.

Da ist der Parkplatz „Windelbach“ zum Beispiel: jedes Mal dasselbe, etwas irritierende Bild in meinem Kopf. Wie ein pawlowscher Reflex, kaum zu unterdrücken. Und ein bisschen unangenehm.

„Am Borbelholz“: Hat das nicht etwas Mittelalterlich-Archaisches? Etwas seit Jahrhunderten Verlorenes?

Der „Sterbecker Siepen“: nichts als ansprechender Klang in diesem Fall, eine gelungene Alliteration. Ganz anders jedenfalls als der possierliche „Flöz Mausegatt“ – direkt gegenüber vom „Johannes Erbstollen“ („Doch, den hat wirklich dein Urgroßvater gebacken!“).

Nicht zuletzt das düstere, preußische, ein bisschen nach Turnvater Jahn klingende „Haus Reck“.

Mir schaudert.

Vielleicht benutzte man dort Borbelhölzer?

Ich will es lieber gar nicht wissen.

All diese Parkplätze fliegen nun schon seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit an mir vorüber, alle paar Wochen geben sie mir Anlass zu unausgereiften Gedanken. Genau wie alles andere, an dem ich mit Tempo 140 vorbeifahre. Landschaften, Häuser, Baustellenfahrzeuge, Arbeiter in orangenen Anzügen, die im Teer knien: alles versinkt bei dieser Geschwindigkeit in einem Nebel tiefster Bedeutungslosigkeit.

Selbst wenn es nur wenige Meter entfernt ist – auf der Gegenfahrbahn zum Beispiel. Wie oft passiert es wohl, dass zwei Menschen, die sich seit Jahrzehnten suchen, vollkommen unbemerkt aneinander vorbeirasen?

Nehmen wir zwei alte Herren, Brüder vielleicht: der eine nach Norden fahrend, der andere in die entgegengesetzte Richtung, beide vertieft in angeregte Gespräche über die Kriegswirren, in denen sie sich aus den Augen verloren. Eine Viertelsekunde lang sind sie sich jetzt zum Greifen nahe … und werden niemals etwas davon erfahren.

Manchmal denke ich, ich könnte mir selbst auf der Autobahn entgegenkommen – und würde es noch nicht einmal merken.

Die Autobahn als großer Gleichmacher. Nichts erreicht mich in meiner Blechhülle. Alles da draußen ist farblos und austauschbar. Wie eine endlose Fototapete.

Das allerdings kann sich schlagartig ändern.

Einige Kilometer hinter dem Parkplatz „Leckerhorst“ setze ich den Blinker und verabschiede mich aus dem Windschatten eines Lkw. Ich beschleunige und will gerade im Handschuhfach nach einer CD suchen, als etwa 200 Meter vor mir etwas Unerwartetes geschieht. Sofort bin ich hellwach. Ein weißer Kleinwagen scheint einen merkwürdigen Tanz aufzuführen, dann blicke ich plötzlich auf seine Frontscheinwerfer. Das sollte so doch eigentlich nicht sein, denke ich empört und steige auf die Bremse. Im selben Augenblick sehe ich durch die Luft fliegende Plastikteile und rote Bremslichter.

Ich steige aus und stehe mit einem Mal neben meinem Auto auf der Straße, spüre den Beton unter den Füßen. Ein sonderbares Gefühl. Um mich herum Menschen, die ihre Smartphones ans Ohr halten und eilig Richtung Unfallstelle laufen. Ich tue dasselbe, bleibe aber stehen, als ich sehe, dass der Fahrer offenbar unverletzt ausgestiegen ist. Das weiße Auto steht leicht schräg, ein Reifen ist zerfetzt. Eine Wolke Wasserdampf schwebt über dem Kühler. Jemand legt dem Mann seine Hand auf die Schulter und sagt etwas. Der Fahrer schüttelt mehrmals den Kopf und lehnt sich erschöpft an die Leitplanke.

„Haben Sie schon die Polizei gerufen?“ ruft eine Frau. Niemand antwortet.

Während der Verkehr auf unserer Seite vollkommen zum Erliegen gekommen ist und plötzlich eine überraschende Ruhe eingetreten ist, geht auf der anderen Autobahnseite die Raserei weiter. Was für ein wahnwitziges Tempo, denke ich und gehe vorsichtshalber zum Seitenstreifen.

Etwa hundert Meter weiter steht ein blaues Schild. Zuerst erkenne ich das weiße „P“, dann das, was darunter steht:

„Unterm Hipperich“.

Dann gehen wir der Sache mal auf den Grund, denke ich. Die Gelegenheit ist günstig.

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