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Staubsaugen

On a cold december evening
I was walking through the christmas tide
When a stranger came up and asked me
If I’d heard John Lennon had died
And the two of us went to this bar
And we stayed to close the place
And every song we played
Was for the late great Johnny Ace.

(The Late Great Johnny Ace, Paul Simon)

Ich kann wirklich nicht behaupten, dass der Tod von Kurt Cobain mich sonderlich aus der Bahn geworfen hätte. Mein älterer Bruder, der in solchen Dingen immer einen großen Schritt voraus war, nahm die Nachricht aus den USA mit einiger Bestürzung auf.

Ich dagegen fragte mich in erster Linie, um wen es sich bei diesem Menschen eigentlich handelte. Außer mir schien ihn jeder zu kennen, denn seit Stunden sprach man auf MTV von nichts anderem. Etwas irritiert saß ich vor dem Fernseher und dachte darüber nach, warum Kurt Cobain Wollpullover getragen hatte, die noch glockenförmiger waren als meiner. Selbst für Grunge-Verhältnisse war das schon ziemlich extravagant.

Ganz anders verhält es sich mit dem 8. Dezember 1980, dem Tag, an dem John Lennon erschossen wurde.

An diesem Tag wälzte ich mich im Wohnzimmer meiner Eltern weinend vor dem Klavier.

Zumindest war das einer der Lieblingsscherze meiner Brüder. Jahre nach Lennons Tod nämlich, als sich meine Begeisterung für die Beatles längst ins Wahnhafte gesteigert hatte, ärgerten sie mich regelmäßig mit dieser im Familienkreis viel zitierten Legende.

„Jaja“, leierten sie, wann immer ich von den Beatles schwärmte. „Und als John Lennon starb, lagst du weinend vor unserem Klavier. Stundenlang.“

Damals war ich genervt.

Heute denke ich: Da könnte was dran sein.

Schließlich verbringe ich momentan sehr viel Zeit mit meinem Sohn. Und der ist in diesem Dezember fast genauso alt wie ich im Winter 1980. Etwa zwei Jahre nämlich. Rufe ich mir nun vor Augen, wie häufig Nino und alle anderen Kinder seines Alters an den unwahrscheinlichsten Orten in Tränen ausbrechen (auch auf den kalten Fliesen vor einem Klavier, wenn es opportun erscheint), dann kann ich daraus eigentlich nur einen Schluss ziehen: Mit einer gewissen, wenn auch nicht allzu großen Wahrscheinlichkeit lagen meine Brüder richtig – und ich am 8. Dezember 1980 in einer Pfütze vor unserem Klavier. Das ist eine Frage der Stochastik, mehr nicht.

Eigentlich will ich sogar hoffen, dass es sich so zugetragen hat. Schließlich war der Mord an John Lennon vor dem Dakota Building in New York aus vielerlei Gründen schlicht und ergreifend zum Heulen. Und ist es auch heute noch.

Dass meiner Liebe zu den Beatles mit einem gewissen Unverständnis begegnet wird, ist unterdessen eine Konstante.

Vor allem eine im Grunde recht unbedeutende Episode ist mir in Erinnerung geblieben. Wahrscheinlich, weil sie im Zusammenhang mit einer Klassenfahrt steht. Klassenfahrten brachten mich ohnehin schon erheblich aus dem Konzept. In derart heiklen Situationen prägen sich unangenehme Ereignisse vermutlich noch gründlicher ein als sonst.

Ich liege in der oberen Etage eines Stockbetts. Neben mir auf dem Kissen: mein Walkman. Ich lege die „Abbey Road“ ein. Gestern, vor der Abfahrt, habe ich sie schnell noch auf Kassette überspielt. Jetzt, unter der Bettdecke, höre ich zum hundertsten Mal das Medley auf der B-Seite – mit „You Never Give Me Your Money“, „She Came In Through The Bathroom Window“ und dem Gitarren-Duell kurz vor dem Finale. Spätestens bei „Her Majesty“ bin ich restlos davon überzeugt, dass diese Musik wirklich jeden begeistern muss.

Auch den Klassentyrannen unter mir.

„Hey“, flüstere ich und beuge mich über den Rand der Matratze. „Hör dir das mal an. Die Beatles sind echt cool. Und überhaupt nicht altmodisch. Das denkt man nur. Wirklich.“

Ich lasse vorsichtig den Kopfhörer hinunter – zu dem Jungen, in dessen Ansehen ich unbedingt ein bisschen steigen muss.

Eine Hand schießt hervor, der Kopfhörer schlägt laut klirrend gegen das Bettgestell.

„Die Beatles?“

Dramatische Pause.

„Sag mal, bist du eigentlich bescheuert?“

Schritte auf dem Gang, die Tür öffnet sich. Der Kopf unseres Lehrers wird sichtbar, umrahmt vom Neonlicht des Landschulheimflurs.

„Ruhe! Jetzt wird geschlafen.“

Die Beatlemania war Ende der 80er offenbar schon abgeflaut. Zumindest in den meisten Köpfen. Diesen Umstand hatte ich unterschätzt.

Viele Jahre später, als ich studierte, war ich noch immer ziemlich gut darin, meinen Mitmenschen mit der „ohne jeden Zweifel besten Band aller Zeiten“ auf die Nerven zu gehen. Auf Partys musste mich niemand sonderlich lange bitten, bevor ich meine gespielte Zurückhaltung aufgab und auf irgendeinem WG-Klavier die Akkorde von „Oh! Darling“ anschlug. Nannte jemand einen Beatles-Song, hatte ich garantiert die passende Anekdote auf Lager.

„Dear Prudence? Großartig! Der beste Song der Welt. Da geht es um die depressive Schwester von Mia Farrow …“

„Girl? Fantastisch? Wahrscheinlich der beste Song der Welt! Da singen sie im Background ,tit tit tit`, aber man hört es nicht. Zumindest, wenn man es nicht weiß.“

Und ich wusste es natürlich. Wofür ich mich am nächsten Tag gewaltig schämte.

Ebenso weiß ich mit Sicherheit, dass die Beatles nicht wie Staubsauger klingen. Kein bisschen. Auch wenn meine Freundin das immer wieder behauptet. Sie hat im Laufe der Zeit einfach verstanden, wie man mich zuverlässig provozieren kann. Wann immer ich im Wohnzimmer die Beatles höre, öffnet sie nach wenigen Sekunden die Tür und sagt mit schlecht gespieltem Erstaunen:

„Was? Du saugst schon wieder? Das haben wir doch vor ein paar Tagen erst gema… Oh, sorry, du hörst ja Musik. Es klang irgendwie, als würdest du staubsaugen …“

Letzteres allerdings kann unmöglich stimmen. Während nämlich das Geräusch des Staubsaugers für Nino der wohl ehrfurchtgebietendste Klang ist, der seine jungen Ohren bis zum heutigen Tage malträtierte, bringen ihn die Beatles zum Tanzen.

Und auf sein Urteil verlasse ich mich.


NACHTRAG

John Lennons Tod jährt sich zum 40. Mal. Im Radio spielen sie zwischendurch immer wieder Lieder von ihm. Sogar solche, die man eigentlich gar nicht mehr hört. Ebenfalls an diesem 8. Dezember 2020 wird in Großbritannien der erste Mensch mit einer vollständig geprüften Vakzine gegen das Coronavirus geimpft. Es ist eine 90-jährige Dame. John Lennon wäre heute 80. Vielleicht hätte er sich öffentlichkeitswirksam impfen lassen. Zusammen mit Yoko, in einem Hotelbett.

Vielleicht hätte man ein Hotelzimmer für sie geöffnet.

Vielleicht hätte er zur Gitarre gegriffen und gesungen.

Ich kann seine nasale Stimme fast hören.

Nobody told me, there`d be days like these,

strange days indeed,

strange days indeed …

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