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Ein leerer Karton

In diesem Jahr, in dem sich so vieles anders und ungewohnt anfühlt, könnte man fast vergessen, wie verdammt sonderbar Weihnachten auch unter normalen Umständen ist.

Was könnte es schließlich Mysteriöseres geben als die Weihnachtszeit mit ihrer Armada von Engeln und Elfen, mit ihren ungelösten Rätseln. Zumindest für Kinder. Und die sind nun einmal der Maßstab, an dem viele von uns das Weihnachtsfest messen.

Jedes Jahr aufs Neue legen sich Eltern deshalb ordentlich ins Zeug, um die Spannung den gesamten Advent über hoch zu halten. Wochenlang kursieren eigentlich doch sehr beunruhigende Geschichten über allwissende Männer in rotweißen Mänteln, Zimmertüren schließen sich, nur um zum Klang eines Glöckchens dramatisch geöffnet zu werden.

Vieles davon ist sehr merkwürdig, aber für alle Beteiligten ein Gewinn.

Denn auch die Erwachsenen profitieren. Zumindest, wenn es ihnen gelingt, das Weihnachtsfest vorübergehend aus der Froschperspektive zu betrachten: mit Kinderaugen.

Mich zum Beispiel beglückt es, zu sehen, wie sehr sich der fast zweijährige Nino für „Oh-Tannenbäume“ begeistert. Mittlerweile weiß er genau, in welchem Schaufenster und an welcher Straßenecke sie zu finden sind. Beim Spazierengehen zerrt er mich unmissverständlich in ihre Richtung, vor jedem einigermaßen passablen Exemplar müssen wir das gleichnamige Lied singen. Seit Weihnachten naht kommen wir gar nicht mehr von der Stelle.

Auch im Hinblick auf die materiellen Dinge ist Nino beneidenswert leicht zu beglücken. Da er bislang keine wirkliche Idee vom Konzept des Schenkens hat (Besitztum ist ihm fremd, solange es nicht um seinen Schnuller geht), bleibt uns als Eltern eine entscheidende Herausforderung erspart. Zwar bekommt auch Nino ein Geschenk, aber weder hat er es sich ausdrücklich gewünscht noch besteht die Gefahr, dass er am Ende enttäuscht ist. Im Grunde könnten wir ihm einen leeren Karton hinstellen. Solange er ihn öffnen darf, wäre er selig.

Wer gerade keine Kinderaugen zur Hand hat, der muss in seinen Erinnerungen kramen, wenn er den Zauber des Weihnachtsfestes noch einmal erahnen möchte. Es ist nicht allzu schwer, dort fündig zu werden – Weihnachtserinnerungen sitzen bei vielen von uns locker. Leider gilt das für die guten ebenso sehr wie für die schlechten.

So kann ich mich lebhaft daran erinnern, wie meine Brüder und ich unser erstes ferngesteuertes Auto, einen sandfarbenen Wüstenbuggy mit Spike-besetzten Rädern, im gerade erst gefallenen Schnee testeten. Ohne mich allzu sehr konzentrieren zu müssen, meine ich, die Flocken im gelblichen Laternenlicht zu sehen, höre das hochtourige Geräusch des Elektromotors und erlebe noch einmal, wie das wendige Auto durch die Schneedecke schlittert.

Auf der anderen Seite fällt es mir bedauerlicherweise ebenso leicht, mich daran zu erinnern, wie wir uns am selben Abend wegen irgendeiner Kleinigkeit stritten. Wahrscheinlich um den Wüstenbuggy. Zumindest für Heiligabend war das ein verstörendes Novum, denn am 24. Dezember rissen wir uns für gewöhnlich zusammen. Die abertausend Streitigkeiten an vielen anderen Tagen meiner Kindheit habe ich zum größten Teil verdrängt.

Eingeprägt hat sich auch der Weihnachtsabend, an dem ein alter Bekannter meiner Eltern zu viel trank und unter Gezeter in ein Taxi verfrachtet werden musste. Ich glaube, mich erinnern zu können, wie meine Mutter Hut und Mantel des Gastes von der Garderobe nahm und diese nun vollkommen deplatzierten Kleidungsstücke durch den Nieselregen zur Straße trug. Dann schlug mein Vater die Autotür zu, und das Taxi fuhr davon. Mit ihm ein weiteres Stück weihnachtlicher Unschuld.

So sehr sich viele im Jahr 2020 nach weihnachtlicher Normalität sehnen, so sehr kann in „normalen“ Jahren der Wunsch aufkommen, dem Weihnachtsfest noch einmal etwas Neues abzutrotzen. Eine Fernreise ist ein wirkungsvolles Mittel, um der etwas verblassten Feier einen neuen Anstrich zu geben.

Vor einigen Jahren absolvierte ich ein dreimonatiges Redaktions-Praktikum in einem Land, das ein vermeintlicher Afrika-Kenner mir gegenüber als „Africa for beginners“ bezeichnete. Diese, wie ich fand, ein wenig herablassende Umschreibung (vermutlich fühlte ich mich in meiner Abenteurerehre gekränkt) bezog sich auf den Umstand, dass es sich in Namibia tatsächlich ziemlich sorgenfrei leben ließ. Zumindest, wenn man als Tourist dorthin kam oder zu den privilegierteren Teilen der Gesellschaft gehörte. Wir Praktikanten gehörten definitiv dazu.

Mitte Dezember lud man mich ein, zu einer Weihnachtsfeier in die Namib-Wüste zu fahren. Als unsere Jeeps dort ankamen, wo das Fest stattfinden sollte, war ein kleines Heer von Kellnern und Köchen gerade damit beschäftigt, die Zelte zu sichern. Mehrmals mussten ein paar von ihnen in weißen Küchenschürzen durch den Sand rennen, um die vom Wind fortgewehten Planen einzufangen.

Ich saß etwas entfernt auf einer der Dünen, trank ein Bier und beobachtete die Ankunft der Gäste. Sie kamen pünktlich, zwei Busse hatten die Reisenden von ihrem Kreuzfahrtschiff aus hierher gebracht. Zum Glück standen alle Zelte, als die Touristen eintrafen, so dass sich die Aufregung legte und allgemeiner Beschwingtheit wich.

„Incredible“, rief ein älterer Herr in kurzen Hosen und Sonnenhut, „das müssen wir heute Abend unbedingt Martha und Jason erzählen!“

Er schlitterte mit seinem Weinglas eine der Dünen hinunter und versuchte, das Getränk dabei nicht zu verschütten. Seine Frau fotografierte ihn mit einer überdimensionierten Kamera.

Als es dunkel wurde, spielte eine Trommelgruppe. Ein paar Jugendliche aus New York ließen sich zeigen, wie man auf Sandboards die Dünen heruntergleitet. Kinder bestaunten ein paar Dromedare.

Auch wenn ich darauf hätte gefasst sein können, weil es immerhin einem gängigen Klischee entspricht: Der Sternenhimmel über der Wüste spielte in einer vollkommen anderen Liga als alles, was ich bis zu diesem Tag gesehen hatte. Ich dachte daran, dass auch in Deutschland in diesem Augenblick Weihnachten war, dass ich zum ersten Mal den Äquator überquert hatte und dass auch die Menschen zuhause jetzt gerade die Sterne sehen konnten. Falls es nicht zu wolkig war.

Was sie dort oben am Himmel sehen, ist allerdings etwas vollkommen anderes als das, was ich gerade sehe, sagte ich mir.

An diesem ersten wirklich sonderbaren Heiligabend seit Jahrzehnten fühlte ich deutlich, wie weit ich mich von meiner Kindheit entfernt hatte.

2 Antworten auf „Ein leerer Karton“

Was für schöne weihnachtliche Assoziationen, lieber Philip!
Mir zumindest fällt es sehr leicht, Weihnachten wieder zum Kind zu werden. Ich habe es immer geliebt. Jedenfalls bis ich in Münster des öfteren in der Stadt unterwegs sein mußte, unter seltsam verkleideten Herrschaften mittleren Alters mit Blinkmützchen und Rentiergeweihen, Glühweinschwaden allüberall und gelegentlichen Kotzlaachen auf dem Bürgersteig. Ich dachte mir einen neuen Slogan aus: Wer sich Weihnachten abgewöhnen will, oder es immer schon gehasst hat, kommt nach Münster!
Auch das war in diesem Jahr anders und das gehörte zu den angenehmen Nebeneffekten.
Übrigens: mit unseren Katzen sind wir von Wesen umgeben, für die der Karton IMMER das eigentliche ist, egal wie alt sie werden!
Dir und Deiner Familie ganz liebe Grüße!

„mit unseren Katzen sind wir von Wesen umgeben, für die der Karton IMMER das eigentliche ist, egal wie alt sie werden!“ – das ist großartig, habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht! 😉 Liebe Grüße auch an euch! Bis hoffentlich bald!

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