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Kniefall

Das Laufen ist für mich sozusagen eine Frage der Familienehre. Oder, weniger pathetisch formuliert: ein alter Zwang. Die Gewissenhaftigkeit, mit der mein Vater mindestens jeden zweiten Tag durch den Kiefernwald in der Nähe unseres Hauses joggte – gern in einem ausgewaschenen Lokomotive-Leipzig-Trikot – ließ für uns Kinder keinen Zweifel daran: Wer Laufen geht, dem winkt ein langes Leben.

Wer es dagegen schleifen lässt, ist selber Schuld, wenn es am Ende anders kommt.

Später dann, als ich längst nicht mehr zuhause wohnte, ließen mich zweifellos wohlmeinende Nachfragen endgültig in Grenzbereiche der Hypochondrie abdriften: Der Satz „Gehst du auch regelmäßig laufen?“ rangierte in der Liste der beiläufig am Ende eines Telefonats positionierten Vater-Fragen sogar noch höher als „Denkst du denn auch an deine Rente?“ und „Isst du eigentlich auch so gern Fisch?“ („Du weißt ja, wie gesund das ist!“).

Das hat sich eingeprägt, was sicherlich nicht ausschließlich zu meinem Nachteil ist. Meinem Vater bin ich sogar dankbar dafür.

Allerdings motiviert mich beim Joggen nicht allein die etwas neurotische Überzeugung, dem Tod in einem Paar Turnschuhen behänder von der Schippe zu springen als andere – weit mehr noch ist es die Aussicht auf eine vorübergehende Rückkehr zur geistigen Null-Linie. Vor allem in Zeiten von Corona kann das nicht schaden. Sobald ich den Park mit meiner Lieblingslaufstrecke erreicht habe, ziehen sich die Gedanken zurück. Das funktioniert fast immer und wirkt stundenlang nach.

Doch es gibt Ausnahmen. An manchen Tagen laufe ich mit gesenktem Kopf, den Blick stur auf den Boden gerichtet. Vor meiner Stirn: eine Wolke, von Blitzen durchzuckt sozusagen. Darin kreisen Gedanken wie Herbstblätter in einer Windhose.

Merkwürdigerweise überkommen mich beim Joggen häufig Erinnerungen an längst verstummte Gespräche. Meist sind es Unterhaltungen, die ich nicht zu Ende geführt habe, Gespräche, die aus dem einen oder anderen Grund keinen zufriedenstellenden Abschluss fanden.

Weil mir die Worte fehlten. Oder weil ich Worte wählte, die ich lieber nicht gesagt hätte.

Vielleicht ist es mit Gesprächen ja wie mit Ohrwürmern: Melodien quälen uns immer dann, wenn sie offen enden – nicht auf der Tonika, musiktheoretisch gesprochen. Zumindest ist das neueste Stand der Ohrwurm-Forschung, wenn ich mich nicht täusche. Ich kann allerdings auch nicht behaupten, dass ich die Ohrwurm-Forschung sonderlich aufmerksam verfolgen würde.

Gestern zum Beispiel befiel mich eins von diesen Gesprächen, ganz plötzlich und ohne Vorwarnung. Die Sonne stand tief, und in einem der angrenzenden Kleingärten verbrannte jemand Zweige. Ein zertretener Schmetterling lag auf dem Weg, seine löchrigen Flügel bewegten sich im Wind. „So spät im Jahr noch ein Schmetterling?“, dachte ich beiläufig und bog dann auf den geschotterten Hauptweg. Plötzlich schien mir die Sonne ins Gesicht, ich konnte kaum noch sehen. Einen Augenblick lang joggte ich deshalb mit geschlossenen Augen, wie ich es beim Wandern am Strand manchmal eine Minute lang getan hatte, als Mutprobe.

Sofort sah ich ihn vor mir: den Tropenhelm-Mann.

Er saß mit einem Glas Whiskey an der Mole und trug diese absurde Kopfbedeckung. Hier, an der bretonischen Küste, wirkte der sandfarbene Helm gelinde gesagt etwas deplatziert.

Als ich an ihm vorbeiwanderte, winkte er mir zu. Er wolle mich auf einen „Drink“ einladen, sagte er. Sein Gesicht war rot, Schweißperlen glänzten auf der Stirn. Ich setzte mich auf den leeren Stuhl neben ihm und bestellte ein Bier. Weil Europa sich auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise befand und wir beide nun einmal gerade aufs Meer hinausschauten, waren wir schnell bei schwierigen Themen angelangt. Das ließ sich zu dieser Zeit kaum vermeiden und endete nicht selten mit Unannehmlichkeiten.

„Du bist also Journalist“, sagte er, nachdem ich mich vorgestellt hatte. Er grinste, als hätte er damit den Schlüssel zu meiner gesamten Persönlichkeit in der Hand.

„Well, well … dann bist du also die linksliberale Elite.“

Er sah mich herausfordernd an.

Da ich nicht annähernd verstand, was er damit sagen wollte, zog ich es vor, diese Bemerkung erst einmal zu ignorieren.

„Weißt du, bei uns in Irland, und eigentlich überall in der Welt, bewundert man euch Deutsche für das, was ihr damals geleistet habt.“

Ich hatte keine Ahnung, wie er jetzt darauf kam. Wollte er mich provozieren? Ich nahm einen Schluck Bier, bereit, meinen Wanderrucksack zu schnappen und aufzustehen.

„Alle bewundern euch dafür. Und ihr? Was macht ihr? Ihr schämt euch. Euer ganzes Leben lang. Das macht doch überhaupt keinen Sinn.“

Ich stellte das Glas auf den Tisch und erhob mich. Während ich wortlos den Rucksack aufsetzte, sagte er es – langsam, bedächtig, fast genüsslich, den Blick aufs Wasser gerichtet:

„Ist das nicht verrückt? Jetzt wollen die in Brüssel doch tatsächlich, dass wir mit unseren Schiffen aufs Meer hinausfahren und diese Menschen retten. Irgendwelche Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben. Weißt du, was man mit denen machen sollte?“

Ich wollte es nicht wissen und stand auf. Hinter mir hörte ich ihn weiterreden. Lauter jetzt, fast schon höhnisch.

„Man sollte sie alle ertrinken lassen. Alle. Auch die Kinder.“

Ich habe mich nicht mehr umgedreht, habe nichts mehr gesagt. Kein Wort. War schweigend zur Fähre gegangen und kaufte ein Ticket.

Seitdem verfolgt mich dieses Gespräch. Der Tropenhelm-Mann ist wie ein böser Geist, der nicht zur Ruhe kommt. Immer wieder überlege ich, was ich hätte sagen sollen. Zum Beispiel gestern beim Joggen. Eine Antwort auf diese Frage ist mir bislang nicht eingefallen.

Es gibt noch andere, manchmal einfach nur seltsame Äußerungen, die mich nicht loslassen. Meist sind sie irrelevant, ich kann sie mit einem Lächeln beiseite wischen.

Da ist zum Beispiel der Mann, der mich neulich im Supermarkt ansprach. Erst schaute er Nino an, der zufrieden im Einkaufswagen saß und auf alle möglichen Dinge zeigte. Dann nahm er eine Bierdose aus dem Regal, hielt sie ihm hin und sagte:

„Trink mal was, mein Kleiner. Das wird dir guttun.“

Auch das ließ mich etwas sprachlos zurück, beschäftigt mich aber nicht mehr sonderlich. Warum auch?

Die Sache mit dem Kniefall dagegen werde ich wohl niemals vergessen.

Auch wenn mir in diesem Fall klar ist: Am Ende dieses sonderbaren Gesprächs gab es wirklich nichts mehr zu sagen. Und alle Beteiligten haben das gespürt.

Ich sitze an einem Sommerabend vor dem Schlosscafé, trinke ein Bier. Am Tisch neben mir zwei ältere Herren, ansonsten ist die Terrasse fast leer. Eigentlich will ich lesen, aber die beiden unterhalten sich so laut, dass ich nicht weghören kann. Es geht um den Mord an dem schwarzen US-Amerikaner George Floyd. Etwa drei Monate zuvor, am 25. Mai 2020, wurde er bei einer Polizeikontrolle getötet.

Die Sache sei doch vollkommen klar, sagt der, der direkt neben mir sitzt. Er macht eine wegwerfende Handbewegung. George Floyd sei doch ganz offensichtlich schon lange vor diesem unglücklichen Vorfall krank gewesen und wäre auch dann gestorben, wenn ihm der Polizist nicht das Knie auf den Hals gedrückt hätte. Ein Gutachten werde das zweifelsfrei belegen, die Wahrheit komme schon noch früh genug ans Licht. Überhaupt müssten sich diese Leute ja nicht wundern, wenn sie ständig Probleme mit der Polizei hätten. Man müsse ja schließlich auch nicht in jedem Park Drogen verkaufen.

Sein Tischnachbar pflichtet ihm bei und gibt zu bedenken: Für eine solche Polizei, eine die so richtig durchgreift, wäre man hier in Deutschland dankbar.

Und dann diese Black-Lives-Matter-Bewegung.

Wieso spreche eigentlich niemand über eine White-Lives-Matter-Bewegung?

An diesem Punkt platzt mir der Kragen. Ich knalle mein Buch auf den Tisch und mische mich ein. Ich protestiere, wüte, versuche, einen klaren Kopf zu behalten. Verliere jegliche Eloquenz, lasse mich als Grünschnabel bezeichnen, der ja überhaupt „noch nichts vom, Leben gesehen“ hat.

Die Worte fliegen hin und her, ich werde immer lauter, sie werden immer lauter. Wir graben uns ein, jeder auf seiner Seite.

Nichts hilft.

Nach etwa zehn Minuten bemerke ich, dass sich ein paar Tische weiter jemand erhebt. Der Mann, der da nun steht, ist mir bisher nicht aufgefallen.

„Jetzt habe ich aber endgültig genug“, sagt er und knallt seinerseits ein Buch auf den Tisch.

Das scheint heute Abend in Mode zu sein, denke ich.

Um Himmels Willen. Jetzt muss ich mich mit drei Verrückten rumschlagen…

Der Unbekannte kommt herüber und baut sich vor uns auf. Bestürzt stelle ich fest, dass er Tränen in den Augen hat. Er zeigt auf die beiden Herren neben mir, sein Zeigefinger zittert.

„Ich ertrage ihre menschenverachtenden Äußerungen nicht mehr“, presst er hervor, sichtlich darum bemüht, nicht zu schreien.

Dann geschieht etwas Sonderbares: Der Mann geht auf die Knie. In Hemd und Anzughose. Er legt seinen Kopf auf den Boden, legt seine Wange auf den Asphalt, verharrt in dieser Haltung.

Gebannt starren wir ihn an.

„Ich will, dass Sie mir jetzt genau sieben Minuten und 46 Sekunden lang ihr Knie auf den Hals drücken.“

Schweigen. Niemand rührt sich.

„Nun los! Worauf warten Sie?“

„Jetzt machen Sie doch hier nicht so eine Szene …“, presst mein Sitznachbar hervor und blickt sich angstvoll um. Der andere wedelt beschwichtigend mit den Händen.

„Sie trauen sich nicht“, unterbricht ihn der Mann am Boden.

Niemand spicht, etwa zehn Sekunden lang. Die beiden Herren neben mir sind wie vom Donner gerührt. Ich bin es auch.

Dann erhebt sich der Mann. Er schaut uns kopfschüttelnd an, noch immer stehen Tränen in seinen Augen. Er geht zurück zu seinem Tisch, steckt das Buch in den Rucksack und verschwindet.

Wir starren ihm einen Augenblick lang nach. Dann packe auch ich meine Sachen. Wieder einmal verschwinde ich, ohne ein Wort zu sagen. Genau wie damals an der Mole.

In diesem Fall allerdings habe ich mich nie gefragt, was ich hätte sagen sollen.

Da war einfach nichts mehr zu sagen.

„Danke“ vielleicht.

6 Antworten auf „Kniefall“

Ich mach ein Kniefall vor diesen deinen Worten Chevalier. Erschreckend & berührend zugleich. Ohne viel zu wissen was dir so alles geschehen ist, so spüre ich da STEHT ein Mensch & Mann kerzengrade im Leben. Was freut; was aus dem Praktikum geworden ist.

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