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Der Wasserturm

Im Laufe des Vormittags hatten sich der Himmel über der Stadt und die Laune in unserer Wohnung zusehends verfinstert – auch meine Laune oder vielmehr: vor allem meine Laune, denn in immer kürzeren Intervallen gerieten wir nun aneinander.

Etwas später, gegen Zehn, wenn ich mich recht erinnere, gab es schwerwiegende Differenzen. Die ersten Gegenstände flogen durchs Zimmer. Bücher, Küchenutensilien, sogar das eher fragile Feuerwehrauto, das dieses Mal endgültig seine Leiter einbüßte. An diesem Punkt, nur kurz vor dem drohenden Eklat, zog ich die Reißleine – und Nino eine gefütterte Regenjacke über den Kopf.

Jetzt stehe ich in der Januar-Kälte vor dem Schlosscafé und freue mich aufrichtig, der Wohnung für eine Weile entkommen zu sein. Im elften Monat dieses nie enden wollenden Zwischen-den-Jahren-Zustands, als derzeit nur noch gelegentlich arbeitender Vater eines Kleinkindes, kann ich erahnen, wie sich ein Lagerkoller anfühlt. Selbst der Regen, der mich unter normalen Umständen sicherlich davon abgehalten hätte, hier draußen zu sein, stört mich allenfalls marginal.

Derweil sitzt Nino zufrieden auf einem der verwaisten Fahrradständer und singt „Hoppe, hoppe Reiter“ – ernsthaft, konzentriert, im Reinen mit sich und der unsichtbaren Welt, die er durchquert. Dann steigt er etwas umständlich von seinem Pferd und rennt in Gummistiefeln über die Boule-Bahn. Genau wie das Schlosscafé nebenan dämmert sie seit Monaten in Einsamkeit besseren Tagen entgegen – stille Reminiszenz an eine Zeit, in der sommerlich gestimmte Menschen mit Weingläsern diesen Ort bevölkerten.

Nino meistert die Zehn-Meter-Strecke ohne ernsthafte Stürze und meldet sich von der anderen Seite mit den Worten „Hallo, guck mal“ zurück, als hätte er gerade einen See durchschwommen. Ich schaue ihm zu, klatsche exaltiert Beifall.

An nichts von alldem wird er sich später erinnern, denke ich bei Ninos Anblick und gehe ein paar Schritte, um mich aufzuwärmen. Nicht an sein Fahrradständer-Pferd, nicht an die Boule-Bahn, schon gar nicht an unseren Streit heute Vormittag. Und das, obwohl es ihm da wirklich um alles ging. Zumindest für drei Minuten.

„Nino“, mache ich die Probe aufs Exempel, „weißt du noch, wo wir gestern waren?“

Er denkt einen Augenblick lang nach. „Baumarkt!“, ruft er und reißt die Augen auf, als wäre er noch einmal dort, zwischen den Regalen. „Eisbär, Rasenmäher und: Oh-Tannenbaum!“

„Im Baumarkt waren wir im Dezember“, sage ich langsam und überdeutlich, im Grunde genommen aber mehr an mich selbst gerichtet als an ihn. „Gestern waren wir im Wald. Mit Mama.“

Immerhin, denke ich. Du beginnst, dich zu erinnern. Inzwischen gibt es hier und da Erlebnisse, die hängenbleiben.

Aber welche?

Und für wie lange?

Manchmal stelle ich mir vor, es müsste mit Nino ungefähr so sein wie mit einem Betrunkenen, der nach mehreren Jahren plötzlich aus dem Rausch erwacht. Er schaut sich verwundert um, reibt sich die Augen und fragt „Wo bin ich?“. Dann zeigt man ihm einige Fotos, und er schüttelt den Kopf, erschrocken darüber, was alles passiert sein soll.

Ich weiß natürlich, dass das Unsinn ist. Die meisten Übergänge im Leben sind fließend, unbemerkt und unergründlich. So auch dieser. Das Bild werde ich trotzdem nicht los.

Jetzt hat Nino die Pfützen entdeckt. Erst fliegt ein Stein ins Wasser, dann eine ganze Handvoll.

„Papa, Stock“, ruft er.

Sein Tonfall lässt mich annehmen, dass Diskussionen zwecklos sind.

Also mache ich mich auf die Suche. Vielleicht, denke ich, während ich auf Knien das Gebüsch durchforste, vielleicht ist es ja am Anfang unseres Lebens in etwa so:

Wir wandern einen Weg entlang – zunächst noch, ohne uns umzublicken. Nachdem wir schon eine ganze Weile gelaufen sind, beginnt es zu regnen. Hinter unserem Rücken bilden sich die ersten kleinen Erinnerungs-Pfützen. In diesen Pfützen spiegelt sich der Himmel, spiegelt sich alles, was wir unterwegs gesehen haben.

Je weiter wir wandern, desto zahlreicher und größer werden die Wasserlachen, irgendwann verschmelzen sie zu einem See. Immer häufiger blicken wir jetzt zurück und betrachten das, was hinter uns liegt: Die wenigen kleinen Pfützen vom Anfang des Weges können wir aus der Ferne kaum noch erkennen – und wenn wir sie sehen, dann verstehen wir oft nicht mehr, was sich in ihnen spiegelt.

So ähnlich ist es mit mir und dem Wasserturm.

Wenn ich versuche, mich an meine Großmutter aus Schleswig-Holstein zu erinnern, dann fallen mir nur wenige, unbedeutende Kleinigkeiten ein. Für sich betrachtet machen sie kaum Sinn, sind nichts als helle Punkte im Nebel.

Ich sehe die etwas spießbürgerlichen Kakteen auf ihrer Fensterbank, sehe die irgendwie zu hohe Hecke vor ihrem Haus, sehe ein ganz bestimmtes, vollkommen unscheinbares Treppengeländer an der Rückseite des Gebäudes. Haben wir als Kinder dort gespielt? War es die Kellertreppe? Falls ja, dann muss dieses Spiel besonders viel Spaß gemacht haben – oder in Tränen geendet sein. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ausgerechnet dieses Geländer in meinem Kopf geblieben ist?

Auch von meiner Großmutter selbst habe ich kein klares Bild: Es scheint mir, dass sie eher klein war, untersetzt und nicht gerade überbordend fröhlich. Aber all das könnte ich mir auch aus Fotos und Erzählungen zusammengereimt haben.

Woran ich mich dagegen sehr genau erinnere, ist der Wasserturm, den wir von Omas Dachboden aus sahen.

Irgendwann einmal, ich muss etwa Fünf gewesen sein, übernachteten meine Brüder und ich dort oben, in dem Zimmer unter der Dachschräge. Als wir in dem extra für uns hergerichteten Raum vor dem Fenster standen, auf Zehenspitzen nehme ich an, sahen wir den Turm in der Ferne über den Dächern aufragen.

Ich weiß nicht warum, aber seit jenem Sommerabend vor mehr als dreißig Jahren trug ich die Silhouette dieses Gebäudes mit mir herum wie einen mentalen Scherenschnitt. Seitdem war er das Ur-Modell für alle anderen Wassertürme, die ihm im Laufe der Jahrzehnte folgten.

Lange Zeit war ich mir trotzdem nicht einmal sicher, ob es ihn wirklich gab. Hatten wir ihn als Kinder tatsächlich gesehen? Bei meinen Brüdern wollte ich mich in dieser Angelegenheit nicht erkundigen, derartig nostalgische Anwandelungen sind vor meiner Familie nur schwer zu vertreten.

Also stieg ich im Spätsommer 2015 ins Auto und fuhr nach Heide, zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Es kam mir verwegen vor, das zu tun, irgendwie extravagant, aber auch ein bisschen stereotyp und albern. Selbst meinen Eltern erzählte ich nichts davon. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich einen Wasserturm suchte? Es wäre mir peinlich gewesen.

Als ich in die Straße einbog, in der meine Großmutter gewohnt hatte, beugte ich mich weit über das Lenkrad und suchte angestrengt nach Vertrautem. Kam mir irgendetwas bekannt vor? Die Laternen vielleicht? Die Bäume? Ich parkte vor dem Haus, das mein Navigationsgerät als Ziel auswies, und zog den Zündschlüssel ab.

Nach kurzem Zögern stieg ich aus. Plötzlich war ich überzeugt davon, dass es den Turm nie gegeben hatte. Sicher war in meiner Erinnerung irgendetwas durcheinandergeraten. Vielleicht stand er in einer anderen Stadt, aber ganz bestimmt nicht hier.

Ich öffnete die Gartenpforte, machte ein paar Schritte aufs Grundstück und betrachtete das Haus. Ich erkannte fast nichts mehr. Nur das große Wohnzimmerfenster kam mir vertraut vor. Ich zögerte. Da ich unmöglich klingeln und die neuen Bewohner darum bitten konnte, einen Augenblick lang aus ihrem Dachfenster zu schauen, kehrte ich um und schloss die Pforte hinter mir.

Da sah ich den Turm.

Ich war verdutzt. Sogar von hier unten, von der Straße aus, war er deutlich zu sehen. Zumindest, wenn man größer war als ein Fünfjähriger. Der Wasserturm war viel weniger weit entfernt, als ich erwartet hatte, sah ansonsten aber genauso aus wie derjenige, den ich seit meiner Kindheit mit mir herumtrug. Ein sonderbares Gefühl beschlich mich. Als sähe ich etwas aus einem Traum vor mir.

Jetzt hat Nino genug davon, im Regen zu spielen. Ich reiche ihm ein letztes Stöckchen, er wirft es ins Wasser, dann setze ich ihn in den Kinderwagen. Als wir um die Ecke zu unserer Wohnung biegen, sehe ich den Kran am anderen Ende der Straße. Über der Baustelle bewegt er sich langsam im Wind.

„Kran“, sagt Nino. „Dreht sich.“

„Das ist dein Turm“, sage ich, dieses Mal wirklich zu mir selbst und nicht zu ihm. „Den wirst du später nicht mehr finden. Selbst, wenn du ihn suchst.“

4 Antworten auf „Der Wasserturm“

Sehr schön, Philip! Ich habe mir die Frage danach, ab wann sich die Kleinen an etwas erinnern werden, also bis zum Erwachsenenalter, auch schon gestellt! Schön, dass Du den Wasserturm wieder entdeckt hast. Ich habe auch einige solche nostalgische Orte. Schön!

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