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Post von Darwin

Im Grunde ist der Fall ja klar. Was soll man von jemandem, der sich „Darwin“ nennt, auch erwarten? Nicht viel vermutlich. Schon gar nicht Verständnis.

Es ist Anfang November, und vor mir auf dem Bildschirm leuchten 14 magere Worte. Eigentlich sollte ich sie so schnell wie möglich im Spam-Order verschwinden lassen, das weiß ich. Stattdessen sitze ich wie das Kaninchen vor der Schlange und denke über Dinge nach, die ich nicht begreife.

Nachdem ich meinen Blog vor etwa einer halben Stunde freigeschaltet habe, vergingen kaum fünf Minuten, bis diese erste Nachricht im Kommentar-Teil auftauchte. „Darwin“ ist wie Jack in the Box. Wie hat er mich so schnell gefunden? Das Internet ist schließlich unermesslich groß, und es gibt Hunderttausende, die über den frustrierenden Pandemie-Alltag eines Musikers streitbarere Dinge schreiben als ich. Das Ganze ist mir etwas unheimlich.

Um mich zu wappnen, schaue ich ein wenig in den Regen vor dem Wohnzimmerfenster. Dann lese ich die Nachricht noch einmal, auch wenn es weh tut.

einfach mal was lernen, womit man nich nur den leuten auf der tasche liegt.

Aha.

Vielen Dank für den freundlichen Rat. Ich nehme noch einen Schluck Kaffee. Der ist schon seit Stunden kalt, aber kalter Kaffee passt perfekt. Zum Wetter, zu meiner Laune, zu solchen „leuten“.

Wirklich überrascht bin ich darüber, dass die erste Rückmeldung von jemandem stammt, den ich nicht kenne. Ganz sicher steckt keiner meiner Freunde oder Bekannten dahinter. Auch nicht irgendein Bot, der auf der Suche nach Reizworten wie „Künstler“, „Pandemie“ oder „arbeitslos“ das Internet durchstreift. Nein, „Darwin“ ist ein echter Mensch. Dazu noch einer, der gern Ratschläge erteilt.

Immerhin, denke ich, nachdem ich den Kommentar nun schon zum dritten Mal gelesen habe: Er hat sich die Mühe gemacht, hinter das letzte Wort einen Punkt zu setzen. Im Grunde ist das erstaunlich. Ansonsten legt der Typ schließlich wenig Wert auf Finessen. Mal einen ordentlichen Punkt zu machen: das scheint viel eher sein Ding zu sein.

Menschen, die den Begriff „auf der Tasche liegen“ benutzen, sind zum Kotzen, denke ich und klappe den Laptop mit etwas zu viel Elan zu.

Moment mal …

Ein listiges Lächeln umspielt meine Lippen. Schreibt man „Darwin“ nicht mit „v“ … ?

Hab‘ ich dich, du ungebildeter Troll!

Eilig klappe ich den Computer wieder auf und öffne die Suchmaschine. Jetzt bin ich in meinem Element, endlich habe ich wieder Oberwasser. Das wurde auch Zeit.

C … H … A … R … L …E … S … D … A …, tippe ich eilig.

Charles Darwin, britischer Naturforscher. Etwa 190 Millionen Treffer.

Verflixt.

Man lernt nie aus.

Ich lese die Nachricht noch einmal. Anscheinend kann ich nicht anders.

Und plötzlich sehe ich ihn deutlich vor mir, diesen Menschen, der mit seinen Steuergeldern mein süßes Nichtstun finanziert. Ich sehe sein ausdrucksloses Gesicht, seine randlose Brille, den schwarzen Kapuzenpulli. In einem düsteren Junggesellen-Zimmer beugt sich „Darwin“ über den Laptop – Tacktacktack machen die bösen Fingerchen auf der Tastatur, Bummbummbumm macht der Techno-Beat im Kopfhörer. Die Wut beflügelt meine Fantasie.

Um ihn herum: Ein durchgesessenes Sofa, einige Regalbretter, ein paar Pizzakartons. Computer-Nerds kann ich mir seit einem unvergesslichen Kinobesuch im Jahr 1993 nur noch mit angebissenen Pizza-Resten und riesigen Cola-Bechern vorstellen. Auch wenn jener Ur-Freak, an den ich auch jetzt wieder denken muss, von einem Dilophosaurus gegessen wurde. Das dürfte „Darwin“ zwar erspart bleiben, thematisch würde ein solches Ende aber gewissermaßen ins Bild passen.

Auf einem der Regale stehen ein paar ungelesene „Game of Thrones“-Bände, daneben Wodjow Paschurkans Standardwerk „Putin – Genialer Schachspieler auf der Weltbühne“. Zwei Ken-Follett-Romane stelle ich gedanklich auch noch daneben – und räume sie dann schnell wieder weg: Zu feingeistig.

Lieber Charles“, tippe ich ins Antwortfeld.

Ganz offenkundig gibt es eine erhebliche Diskrepanz zwischen deinem Selbstbild und dem, was du allem Anschein nach bist. Da ich nicht weiß, ob du dir dieser Problematik bewusst bist, vor allem aber weil ja auch du mir einen wohlmeinenden Ratschlag zur Gestaltung meines Lebens erteilt hast, möchte ich dir ebenfalls einen Hinweis mit auf den Weg geben.

Folgendes ist mir aufgefallen: Da du dich ,Darwin‘ nennst, und dies wahrscheinlich nicht dein Geburtsname ist, habe ich allen Grund zu der Annahme, dass du Gefallen an dem findest, was der Naturforscher über die Evolution herausgefunden hat.

Vorausgesetzt, du neigst nicht zur Selbstvernichtung, gehe ich deshalb davon aus, dass du dich zu denjenigen zählst, die sich durchsetzen werden. Zu den Angepassten, zu den „Fitten“ – um mal im Darwin-Sprech zu bleiben. „Survival of the Fittest“ ist sicherlich ein Satz, den du im Kreis virtueller oder tatsächlicher Freunde gern zum Besten gibst. Das hältst du für originell und angemessen verwegen. Liege ich da richtig?

Was du mir schreibst (nicht zuletzt aber auch wie du es schreibst) gibt allerdings viel eher Anlass zu der Annahme, dass du dich – zumindest intellektuell gesehen – in der Gruppe derjenigen befindest, die langfristig ins evolutionäre Hintertreffen geraten könnten. Mit freundlichen Grüßen aus dem Homeoffice“ … und so weiter und so fort.

Ich lese meine Nachricht noch einmal, lächele zufrieden. Dann klicke ich erst auf „Veröffentlichen“ – und dann auf „Löschen“.

Nein, so geht es nicht.

Ich will mich schließlich nicht blamieren.

Außerdem gefalle ich mir jetzt, da ich den Text noch einmal überfliege, in der Rolle des rachsüchtigen Zynikers weit weniger gut als ich es beim Schreiben noch gehofft habe.

Vielleicht versuche ich es mal etwas poetischer?

Ein Gleichnis kommt immer gut.

Lieber Darwin. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Keine Redewendung, über die ich in letzter Zeit häufiger nachgedacht hätte als über diese. Manchmal befürchte ich: Da könnte was dran sein. Denn oft habe ich in den vergangenen Monaten versucht, die Hoffnung nicht nur sterben zu lassen, nein: Ich habe nachgerade aktiv versucht, sie ins Jenseits zu befördern. Es ist mir nicht gelungen. Die Hoffnung ist wirklich ein zäher Motherfucker.

Stell es dir so vor:

Hoffnung ist wie das Licht eines Schiffes auf offenem Meer. Der Schiffbrüchige im kalten Wasser sieht es immer wieder zwischen den Wellenbergen aufleuchten, dann verschwindet das Licht wieder, wenig später taucht es noch einmal auf, nur um erneut hinter einer Welle zu verschwinden.

Solange der Schiffbrüchige weiß, dass dieses Leuchten dort draußen irgendwo ist, solange er denkt, dass er es irgendwie erreichen könnte, wird er – auch wider besseres Wissen – wahrscheinlich nicht die Richtung wechseln. Auch wenn er ahnt, dass irgendwo anders eine Insel sein könnte. Das ist menschlich – und manchmal auch kontraproduktiv.

Nicht dass ich der Meinung wäre, dass ich es irgendwem schuldig wäre, mir einen neuen Job zu suchen. Vor allem nicht dir. Vielleicht tue ich es trotzdem. Aber eins steht fest: Das macht man nicht ‚einfach‘ so.

Im Übrigen könntest auch du dich zur Abwechselung an kniffligen Aufgaben versuchen. Zum Beispiel: einfach mal was lernen, einfach mal nachdenken.

Hochachtungsvoll …“

Nino kommt ins Wohnzimmer.

„Schau mal“, sage ich. „Papa arbeitet.“

„Papa Computer.“

„Was meinst du“, frage ich. „Soll ich das veröffentlichen?“

Er wirft krachend seine Pfanne auf den Boden.

„Hast recht, würde ich nie tun“. Ich drücke abermals auf den Löschen-Button. „War auch eher so für mich gedacht.“

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