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Im Brunnen

Once there was a way to get back home.” (Golden Slumbers, The Beatles)

Es gehört wahrscheinlich zu den großzügigsten Geschenken der Natur, dass die meisten Kleinkinder einen Mittagsschlaf machen. Nicht dass ich die Zeit, in der mein Sohn wach ist, in irgendeiner Form geringschätzen würde – nein, glücklicherweise treibt mich Nino nur äußerst selten in den Wahnsinn. Aber es kommt vor. Deshalb bin ich nach fast zwei Jahren als Vater überzeugt davon, dass die Menschheit über kurz oder lang an Erschöpfung zu Grunde ginge, wenn Kinder pausenlos auf den Beinen wären.

Sicherlich strahlen am Firmament auch vereinzelte Super-Eltern, unermüdliche Robotermenschen, die derart in ihrer Rolle aufgehen, dass sie keine Pausen benötigen – ich aber gehöre bestimmt nicht dazu. Für mich ist der Mittagsschlaf nichts weniger als eine Gnade, und ich genieße jede Minute, in der sie mir vergönnt ist.

Der heutige Tag ist keine Ausnahme.

Nachdem Nino eingeschlafen ist, ziehe ich mich ins Wohnzimmer zurück, lege mich aufs Sofa und nehme das Smartphone zur Hand. Ein paar Minuten lang studiere ich die aktuellen Infektionskurven, durchsuche einschlägige News-Ticker vergeblich nach Erbaulichem – mit anderen Worten: Wider besseres Wissen tue ich alles Erdenkliche, um möglichst schlecht zu schlafen.

Das Einschlafen ist unterdessen nie ein Problem für mich. Am Wenigsten mittags. Von einer Sekunde auf die nächste fällt mein Arm aufs Kissen, landet das Smartphone polternd auf dem Boden.

Doch davon höre ich schon nichts mehr.

Was nun passiert, hätte der japanische Schriftsteller Haruki Murakami, ein Autor mit unübersehbarer Vorliebe für ausgetrocknete, längst vergessene Wasserstellen, vermutlich ungefähr so beschrieben:

Rasch sinke ich auf den Grund eines dunklen Brunnenschachts hinab, bis weit über mir das leuchtende Rund des Mittagshimmels nur noch zu erahnen ist. Auf dem kühlen, sandigen Grund gelten andere Regeln, ist die Welt dort oben kaum mehr als ein entfernter Planet.

Nur Mittagsschläfe haben eine solche Qualität – und ausnahmslos immer ist es ein törichter Fehler, sie auf mehr als dreißig Minuten auszudehnen. Maximal. Sich nach einer derart langen Pause wieder an die Arbeit zu machen, ist eine Herkulesaufgabe. Zumindest für mich.

Das hält mich trotzdem nicht davon ab, heute eine wenig über die Stränge zu schlagen.

Als ich nach fast zwei Stunden aufwache, fühle ich mich wie eine Qualle in der Mittagshitze eines sommerlichen Badestrands.

Vor allem aber bin ich verwirrt, stehe unter dem Eindruck eines sonderbaren, fast schon luziden Traums: Zum ersten Mal seit Monaten habe ich von der Pandemie geträumt. Merkwürdigerweise ist mir nach dem Aufwachen sofort klar, dass es um das Coronavirus ging – obwohl die Bilder, die ich gesehen habe, nichts Erschreckendes hatten, im Grunde noch nicht einmal bedrückend waren. Auch erwartbare Motive wie Masken, Krankenstationen, geschlossene Cafés oder menschenleere Plätze spielten keine Rolle.

Viel eher war das Gegenteil der Fall.

In meinem Traum ging ich spätabends eine Straße entlang. Es schneite, gelblich leuchteten die Laternen über mir. Die Straße, auf der ich mich befand, war mir sehr vertraut, denn an ihrem Ende, etwa zweihundert Meter entfernt, stand mein Elternhaus.

In der Küche und nebenan im Arbeitszimmer meiner Mutter brannte noch Licht, meine Eltern waren also allem Anschein nach zuhause. Um mich herum war es vollkommen still, nur die Schuhe knirschten im Schnee. Zögernd blieb ich stehen und schaute auf die erleuchteten Fenster.

Ich kann es nicht erklären, aber in diesem Moment wusste ich genau, dass ich träumte. Und in meinem Traum stand ich plötzlich vor einer Entscheidung, die ich bewusst treffen konnte – so, als hätte ich mich, noch schlafend, ein kleines Stück von der Traumwelt entfernt:

Sollte ich zu dem Haus gehen, in dem ich vor so vielen Jahren gelebt hatte? Sollte ich klingeln und vielleicht sogar eintreten? Oder wäre es besser, umzukehren und dorthin zurückzugehen, wo ich hergekommen war? Einen Augenblick lang überlegte ich, wusste nicht, was zu tun war.

Dann traf ich eine Entscheidung, handelte – und wachte auf, durcheinander, im ersten Moment kaum in der Lage, zu sagen, wo ich mich befand. Es dauerte einige Minuten, bis sich das sonderbare Gefühl, das der Traum in mir auslöste, so weit zurückgezogen hatte, dass ich aufstehen konnte.

Über all das denke ich jetzt gerade nach, während ich in die Küche schlurfe und die Kaffeemaschine einschalte. Ich öffne die Tür zum Kinderzimmer, wecke Nino und ziehe die Jalousie hoch. Sonnenlicht fällt in den Raum wie eine Sturzflut, Nino rollt sich zur Seite und kneift die Augen zusammen.

„Aufwachen, kleiner Junge“, sage ich. Wir haben verschlafen. Sollen wir gucken, ob draußen im Garten Eichhörnchen sind?“

„Eichhörnchen fahren mit großem Lastwagen“, krächzt Nino, als handele es sich bei dieser Feststellung um nichts Geringeres als eine Selbstverständlichkeit. Dementsprechend geneigter ist er nun, dem Nachmittag eine Chance zu geben. Ein solches Spektakel lässt sich schließlich niemand entgehen.

Während wir gemeinsam durch das Kinderzimmerfenster in die Baumkronen schauen – Nino in seinem Schlafsack, ich mit dem Kaffeebecher in der Hand – bin ich in Gedanken fast vollständig bei meinem Traum. Er lässt mich noch immer nicht los.

Was war das vorhin nur für ein sonderbares Gefühl?

Das, was ich empfand, als ich die drei wohlbekannten Treppenstufen zur Haustür hinaufging, klingelte und eintrat, war ungewöhnlich. Oder zumindest etwas, das ich in dieser Form seit Langem nicht gefühlt hatte. Was ich empfand, schien zumindest für einen kurzen Augenblick ein tiefes Loch zu füllen, ein Loch, das sich – weiß Gott wann – in meinem Inneren aufgetan hatte, ohne dass es mir überhaupt bewusst war. Das Gefühl, das der Traum mit sich brachte, war schön, erleichternd und erschreckend zugleich.

Erschreckend vor allem deshalb, weil es mir vor Augen führte, was fehlt.

Aus diesem Grund war mir sofort nach dem Aufwachen klar, dass ich von der Pandemie geträumt hatte.

Denn was ist diese globale Katastrophe für viele Menschen schließlich anderes als ein quälender Mangel an Verlässlichkeit, Sicherheit, Geborgenheit und Stabilität? Ein Mangel an all dem also, was das Haus am Ende der Straße irgendwann einmal bieten konnte. Als ich noch ein Kind war.

Ja, diese Pandemie ist unheimlich, denke ich, während Nino mit fachkundigem Blick eine Reihe von Baustellen-Fahrzeuge aufzählt. Sie ist unheimlich im wahrsten Sinne des Wortes.

„Aber auch mit Müllauto Eichhörnchen fahren“, vermutet Nino, und ich bin augenblicklich sehr froh darüber, dass er wach ist.

„Das ist durchaus denkbar“, sage ich und befreie ihn aus seinem Schlafsack. „Jetzt kannst du besser aus dem Fenster gucken. Vielleicht kommt ja jemand zu uns.“

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