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Frühlingszeit

Viel ist nicht geblieben von der großen (Fast-)Katastrophe – nur ein paar schmutzige Schneeberge, die an den Straßenecken herumlungern, als hätten sie den Absprung nicht geschafft. Wüsste ich es nicht besser, ich würde sagen: Sie leiden auf ihren letzten Metern, wären viel lieber schon längst von der Bildfläche verschwunden, als jetzt, im anbrechenden Frühling, ein derart trostloses Bild abzugeben.

In all dem Matsch spazieren Nino und ich ein wenig durchs Viertel, vorbei am Programmkino, das seit Monaten geschlossen ist, durch die Unterführung hindurch, in der zum ersten Mal seit ich hier wohne keine Konzert-Plakate hängen. Irgendwie habe ich dieses Jahr große Freude daran, den Schneehaufen beim Schmelzen zuzuschauen. Warum, weiß ich auch nicht so genau. Vielleicht, weil sie ein bisschen wie Uhren sind. Nur kälter, weniger rund und ein bisschen größer natürlich.

Sieh an, sage ich mir, wenn ich einen entdecke, der schon mit den Füßen im Wasser steht: Jetzt ist das also auch schon wieder vorbei, so wie alles vorüber geht – nur dass es bei den großen Dingen eben nicht ganz so offensichtlich ist wie bei den Kleinen. Irgendwie fühlt es sich an, als müsste unter dem schmelzenden Schnee etwas zum Vorschein kommen, das mehr ist als nur der Asphalt, der vor einer Woche unter ihm verschwunden ist. Vermutlich habe ich einfach zu viel Zeit, da tut es hier und da ganz gut, wenn man sieht, wie sie verrinnt.

„Du wartest immer auf irgendwas“, sagte ein Bekannter neulich zu mir. Bei einem gemeinsamen Spaziergang hatte ich erwähnt, dass ich die Monatsenden im Moment kaum erwarten könne. „Manchmal bist du merkwürdig. Im Winter wartest du auf den Frühling und im Frühling auf den Sommer. Nur auf den Winter wartest du nie.“ Letzteres klang fast wie ein Vorwurf.

„Du hast den Herbst vergessen“, erwiderte ich, aber darauf ging er nicht ein.

Er meinte es sicherlich gut. Aber damit gesellte er sich ungewollt zu all jenen Menschen, die ständig Sachen sagen wie „Lebe im Augenblick“, „Jeder Augenblick ist kostbar“ oder vergleichbare Dinge, die immer irgendwas mit „Augenblicken“ zu tun haben. Obwohl er das Wort „Augenblick“ zugegebenermaßen gar nicht verwendete. Aber gedacht hat er es ganz bestimmt.

Als ob irgendjemand wüsste, was das eigentlich ist, so ein „Augenblick“. Ich jedenfalls nicht. Da zumindest bin ich mir sicher.

Nino fährt Laufrad, ich schiebe den Kinderwagen. Manchmal erinnert er sich plötzlich daran, dass das Laufrad im Grunde genommen sterbenslangweilig ist. Will man dann überhaupt noch vorankommen, ist ein Zweitgefährt unabdingbar. Oft rollt er ein paar Meter vor mir, in der Regel aber hält er sich in meinem Windschatten und träumt vor sich hin.

Zum ersten Mal seit langer Zeit ist die Luft an diesem Vormittag mild und fast schon frühlingshaft, um uns herum fallen die Tropfen von den Dächern. Auch das ist irgendwie wohltuend, denn das Geräusch erinnert mich ebenfalls an Uhren. Ihr Ticken kommt von allen Seiten, mal schneller, mal langsamer, mal lauter, mal leiser.

Plötzlich stoppt Nino sein Laufrad, legt es auf die Seite und zeigt nach oben. Das kenne ich schon vom ihm: Auch wenn er eigentlich eher an Kanaldeckeln, Büschen und Papierschnipseln interessiert ist – an all den Dingen also, die mehr oder weniger auf seiner Augenhöhe sind –, verpasst er auf wundersame Weise nur selten etwas, das sich am Himmel abspielt. Das finde ich sympathisch.

„Guck mal“, sagt er und legt den Kopf in den Nacken. „Viele Vögel. Eins, zwei, drei, fünf, sieben, viele.“

Ich schaue nach oben, und jetzt sehe ich es auch: dieses riesige Vrühlings-„V“, dessen einer Arm ein wenig länger ist als der andere, diese etwas krakelige, schwarze Schrift, die über den Himmel zieht und ganz genauso aussieht wie in jedem Jahr.

Auch der Anblick der Zugvögel ist verheißungsvoll – gleichzeitig kommt mir das Ganze ein bisschen bedrohlich und stumpf vor, irgendwie unerbittlich und rücksichtslos. Der Frühling bringt mich wirklich auf komische Gedanken. Die Natur, sage ich mir, ist eine Kraft, mit der man nicht diskutieren kann. Sie ist stur. Da muss immer alles so ablaufen wie immer, komme was wolle. Ich lege meine Hand über die Augen, damit ich gegen die tiefstehende Sonne besser sehen kann.

Wie üblich gibt es einen Vogel, der ganz vorne fliegt. Ich frage mich, ob er wohl stolz darauf ist, bei einer so wichtigen Reise an der Spitze zu fliegen, den ganzen Schwarm hinter sich herzuziehen – von Afrika, über das Mittelmeer bis nach Westfalen. Ob es ihn wohl zufrieden macht, dass er den Weg so genau kennt, ohne ihn jemals auswendig gelernt zu haben? Wahrscheinlich nicht. Ebenso wenig wie ein Virus, das eine Zelle entert, nicht mehr als ein Fluss, der das Meer erreicht. „If you got a job to do, you’ve got to do it well“. Das ist alles.

„Sie kehren zurück“, sage ich zu Nino, und jetzt, da ich es ausspreche, kommen mir meine Worte irgendwie albern vor. Der Frühling weckt meine melodramatische Seite. Also wechsele ich schnell wieder ins Profane und doziere noch ein wenig über die Wunder der Natur. „Die Vögel waren vermutlich in Afrika“, sage ich. „Davon habe ich dir neulich mal erzählt, weißt du noch? Afrika ist da, wo die Krokodile wohnen, die Zebras und die Dromedare …“

Aber Nino interessiert sich schon gar nicht mehr für mein Gerede, schließlich zieht in einiger Entfernung ein Müllauto seine Bahnen wie ein blinkender, lärmender Wal. Das ist mindestens ebenso faszinierend und furchterregend wie die Zugvögel. Wenn nicht noch mehr.

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